Musterprozess zu Finasterid

Di, 04/30/2019 - 11:47

Berlin - Es war das Wundermittel gegen den erblichen Haarausfall beim Mann Ende der 1990er Jahre. Seit einiger Zeit tauchen immer wieder Berichte über die Nebenwirkungen des Wirkstoffs Finasterid, der in Deutschland unter den Namen Propecia, Finapil und Finasterid ratiopharm im Handel ist, in den Medien auf.

Im Februar 2019 begann am Berliner Landgericht ein Prozess, der wegweisend sein könnte für die Rechte von Patienten in Deutschland. Dabei geht es vor allem darum zu klären, ob ein Pharmakonzern für die Nebenwirkungen eines seiner Medikamente haften muss. Im Falle von Finasterid geht es im besonderen um die Nebenwirkungen, unter denen angeblich knapp tausend Männer leiden, nachdem sie das Medikament abgesetzt hatten. Genannt wird dies als Post-Finasterid-Syndrom und die Rede ist von Nebenwirkungen wie Libidoverlust, Erektionsproblemen, Schlafstörungen und Muskelschmerzen, gefühlsloser, geschrumpfter Penis sowie Depressionen, Konzentrationsproblemen und Suizidgedanken.

Bisher gibt es in Deutschland keinen einzigen Fall, in dem ein Pharmakonzern einem Patienten eine Entschädigung zahlen musste. Zwar geht es in Berlin zunächst um einen Einzelfall, jedoch werden von der Anwaltskanzlei des Klägers und einem Versicherer weitere betroffene Männer für eine Sammelklage gesucht. Der Beklagte ist der Pharmakonzern Dermapharm, der das Mittel seit 2009 vertreibt. Zunächst soll vor allem die Frage geklärt werden, seit wann dem Unternehmen welche Nebenwirkungen bekannt waren.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde hat von 1998 bis 2013 ca. 15.500 Nebenwirkungen dokumentiert, die von Patienten gemeldet wurden. Bislang soll es über 150 Suizidfälle gegeben haben. Im Jahr 2018 verschickte das hiesige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen Rote-Hand-Brief an Ärzte, damit diese ihre Patienten über Nebenwirkungen aufklären. Wir haben darüber berichtet. Der Anwalt von Dermapharm streitet ab, dass es das Post-Finasterid-Syndrom gibt, während der Anwalt des Klägers fordert, das Mittel sofort vom Markt zu nehmen.

Bislang sind alle in Deutschland eingereichten Klagen gegen Pharmakonzerne gescheitert, denn es kann ein Zusammenhang zwischen einer Medikamenteneinnahme und einer Schädigung des Patieten weder bewiesen noch widerlegt werden. Hierzulande gingen die Gerichte bisher davon aus, dass auch eine Erkrankung des Patienten zu einem Leiden geführt haben könnte. Aufgrund eines Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2017 ist es für den Finasterid-Prozess jedoch nicht entscheidend, ob es das Syndrom gibt oder nicht. Und weil europäisches Recht Vorrang vor nationalem Recht hat, soll nun mit einem entsprechenden Urteil im Berliner Prozess erreicht werden, dass künftig Gerichte in Deutschland patientenfreundlichere Urteile fällen. Im Vordergrund stehen neuerdings die chronologischen Abläufe und die Anzahl der Fälle. Dermapharm müsste dann das Gegenteil beweisen, um aus der Haftung zu kommen. Somit ist der Prozess gegen Dermapharm ein Musterprozess und aus diesem Grund werden auch weitere Betroffene gesucht. Ein Urteil könnte noch im Laufe dieses Jahres vorliegen.

Quelle: Zeit/Wissen

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