Take me back! Take me home!

Zuspruch für einen glatzköpfigen Mitmenschen

Kurt Rossa

 

 

 

Der folgende Text ist von Kurt Rossa und entstammt dem Buch "Ein Fisch in Opas Bett" von 1987. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des leider inzwischen verstorbenen Autors.

 

Zuspruch für einen glatzköpfigen Mitmenschen

Sie werden in Bälde kahl sein? Sie sind es schon? Ganz kahl auf dem Kopf? Ein Glatzkopf Na und?

Nein - ein Spaß ist das nicht. Das ›Na und?< ist der Sache nicht angemessen. Mancher leidet darunter. Ich nehme es zurück. Ich weiß, wovon ich rede.

››Der Herr Rossa, wenn keine Brille trägt, sieht aus wie Neugebor'nes«, sagte ein türkischer Student zu mir, als es mit mir soweit war. Ich war damals vierundzwanzig. ›Ein Jüngling mit lockigem Haar.< Hellblond. Ein Schmuckstück. Und damit ich vorne eine flotte Tolle hatte, feuchtete ich eine Stelle mit Wasser und Seife an und modellierte darauf eine Welle. Mit dem Kammrücken. Das ist dreißig Jahre her. Noch weiß ich, wie man mit energischem Kopfschwung die Haare aus der Stirn in den Nacken wirft. Von vielen nutzlos erlernten Kunststücken mein unbrauchbarstes.

Als ich zum ersten Mal kugelköpfig kahlrasiert in den Hörsaal zurückkam, rief der Professor mir zu: ››Mann, Sie sehen aus wie Ihr eigener Großvater!«  Das war nicht eben taktvoll, aber das ist schon richtig: man sieht geschoren älter aus. So alt, dass es manchmal weh tut.

Ich war Mitte dreißig, wir waren konditern, da kletterte meine Jüngste, damals süße fünf Jahre alt, auf meine Knie, drückte und streichelte mich. Die Serviererin hielt neben uns inne, lächelte freundlich und sagte: ››Na, du hast deinen Opa aber lieb!« Die Kleine blickte sie finster an, und als wollte sie mich beschützen, wisperte sie: ››Das ist kein Alter, das ist ein Junger.« Und als ich mit vierzig einem Siebzigjährigen in den Mantel helfen wollte, wehrte der ab. Nicht doch, wir seien doch ungefähr gleichaltrig. Das sind Schläge, die sitzen.

Ich hatte neulich eine kurzgeschnittene Damenperücke auf bei Freunden, ungefähr meine frühere Farbe. Ich sah darin lächerlich aus, lächerlich jung. Das könnte ich mir heute gar nicht erlauben, so auszusehen in meiner Stellung als Respektsperson. Und längst ist meine Glatze auch mein Markenzeichen, so wie bei Herrn Beuys dieser Hut.

Mich erkennt mit dem Hut auf dem Kopf kaum ein Mensch. Mit Perücke wäre ich so gut wie untergetaucht, verschwunden. Sie würde meine Tarnkappe. Haare entstellen. Im Ernst= Ich habe niemals auch nur erwogen, eine Perücke zu tragen. Ich kann also auch nicht dazu raten. Auch nicht davon abraten. Da fehlt mir Erfahrung.

Ich würde vielleicht einem sehr jungen Menschen dazu raten. Einem Kind wahrscheinlich. Erwachsene sind oft wenig taktvoll, Kinder sind brutal. Sie verspotten den Glatzkopf. Das können Erwachsene auch. Und der Spott ist vielleicht auch das ärgste daran: »Glatze ist besser als gar keine Haare.« - ››Wer in der Jugend viel bürstet, braucht sich im Alter nicht zu kämmen.« - ››Ein Esel verliert die Haare nie.« Da ist sogar was dran. Oder haben Sie je einen Dummkopf mit Glatze gesehen?

Was einem so alles passiert. Da komme ich in ein Konzert-Café, und es intoniert zu meiner Begrüßung das Klavier-Trio den uralten Schlager ››Wo sind die Haare, August...? « Oder die Kapelle. spielt, wenn ich - weithin sichtbar - den Saal betrete, ››Guter Mond, du gehst so stille...«

Ein witziges Ding hat mir ›Otto< verpasst, Otto Waalkes. Ich saß in einer riesigen Sporthalle, direkt am Gang. Er kam auf mich zu - ich sah meinen kugelrunden Hinterkopf in dem gewaltigen Fernehschirm über der Bühne - und Otto sprach: ››Oh, entschuldigen Sie, ich dachte, Sie säßen verkehrt herum.« Da muss einer erst mal drauf kommen. Schon ein Gag.

Was von der Norm abweicht, gilt manchmal als komisch. Viele Clowns setzen deshalb auf die Komik des Glatzkopfs. Und sich als Verlierer einer Wette eine Glatze schneiden zu lassen, gehört zum Standard-Jux von Kegelbrüdern und Fußballfans. Ich habe meinen Kahlschlag selbst als komisch erlebt.

Mich hatte es innerhalb von fünf Monaten erwischt. So schnell ging das bei mir. Es war dieser kreisrunde Haarausfall. Man ist knackgesund, die Mediziner können nichts machen, doch haben sie einen guten lateinischen Namen dafür: Alopecia areata. Alopex, pix, pax, pux, Fuchs, sagten wir im Lateinunterricht. ›Fuchsräude< also? Auch nicht sehr taktvoll. Als ich mit meinen Restbeständen durch noch so kunstvolles Drapieren keinen vollen Haarwuchs mehr vortäuschen konnte, bin ich nach Hause gefahren. Ich habe mir den Kopf eingeschäumt und dann, ganz allein vor dem Spiegel stehend, habe ich mir mit meinem Rasierapparat den Schädel rasiert. Und habe mich prüfend angeschaut und furchtbar gelacht: Ich fand mich komisch!

Es kam dann noch etwas schlimmer - ich verlor auch die Augenbrauen und die Wimpern sogar. Man weiß, es gibt auch einen anderen Verlauf dieser Haarkrankheit - manchmal kommt nach einiger Zeit alles wieder. Nicht so bei mir. Ich hatte nicht die ›gutartige Form< dieser Alopecie. Schade.

Ein bisschen Sehnsucht ist geblieben. Ich wäre gern etwas schöner. Aber geschadet hat es mir nicht. Natürlich nicht bei meinen Freunden. Die haben mir damals geholfen. Geschadet auch nicht bei den Mädchen. Ich nehme es jedenfalls an. So eine Glatze ist anscheinend nicht unerotisch. Manche Frau hatte den Wunsch, mir einmal darüber zu streichen. Die Kopfhaut ist kitzelig, auch beim Küssen. Wie man überhaupt den glatzköpfigen Männern nachsagt, .große Liebhaber zu sein: zärtlich wie eine Lesbin, gewalttätig - auf Verlangen- wie ein Hufschmied, phantasievoll und leidenschaftlich. Das ist kein Vorurteil. Es stimmt. Ich werde jedoch den Verdacht nicht los, dass es auch der Mutterinstinkt sein könnte, der eine Frau treibt, eine Glatze zu streicheln oder zu küssen. - Denkt sie nicht doch an Babys Popo?

Nehmen wir die Malaise einmal heiter - die Sache hat Vorteile. Man braucht niemals mehr zum Friseur - dieses scheußliche Jucken im Nacken nach dem Haareschneiden! Und billiger ist es zudem. Man sucht nie mehr einen Kamm. Jedes Poliertuch genügt. Man braucht kein Shampoo, keine Pomade, kein Gel, nichts gegen Schuppen und Haarausfall. Uns licht keine Mode an, so eine Glatze ist zeitlos. Buddhistische Mönche und Sektierer ahmen uns nach. Noch ein Vorteil: wir sind um die Hundertstel schneller beim Laufen und Schwimmen, weil windschlüpfig. Ein Glatzkopf hat einen phänomenalen cw-Wert.

Aber - das sei nicht verschwiegen - es hat nicht nur sein Gutes. Eine Haartracht ermöglicht mehr Individualität. Die Glatze uniformiert. Ich habe es oft erlebt, dass Fremde mir freundschaftlich auf die Schulter hieben oder dass meine Freunde mir erzählten, sie hätten mich da oder dort gesehen (wo ich nicht war). Ich kenne da einen, der mir gleicht wie ein eineiiger Zwilling. Er hat meine Größe, meine Figur, in Gang und Gehabe ist er mir ähnlich. Wir haben sogar denselben Beruf. Ich sah den einmal mit dem Fahrrad stehen vor meinem Haus - ich dachte, ich wäre gespalten und reif nun für die Liege eines Psychiaters. Ich dachte, ich stünde da selbst neben mir. Die Glatze uniformiert. Man gleicht einander, wie zwei Kugeln beim Kegeln sich gleichen. Das verpflichtet: Ich hoffe, dass sich mein Doppelgänger stets ehrbar benimmt und beispielsweise nie einen Mord begeht. Denn wenn man mich dann erwischte und mich den Tatzeugen vorführen würde, dann wäre ich dran. Denn jeder würde doch schwören, er hätte just mich in flagranti gesehen. Und das könnte man diesen Leuten nicht einmal verdenken.

Apropos Kugel. Das macht meine Büste dereinst ziemlich preiswert: Man kann sie beim Drechsler bestellen.

Schlecht ist so eine Glatze für Musiker. Sieht es doch unheimlich gut aus, wenn dem Pianisten die Haare genialisch sich sträuben, wenn er so rein ins Fortissimo haut, und herrlich ist’s, wenn der bejubelte Dirigent sich beim Beifall durch die Beethoven-Mähne fährt. Das gibt ein Bild! Wenn ich doch wenigstens unter der Glatze einen Vollbart hätte. Bei diesem Gedanken packt mich der Neid. Da gibt es doch Männer mit Mähne, mit Schnurrbart, mit Backenbart, mit Rauschebart – und die haben auch noch die Brust voller Haare. Es ist zum Verzweifeln! Die Güter der Welt sind gar zu ungleich verteilt.

Frauen mit Glatze gibt es nicht. Allenfalls mal trägt sich ein Sternchen so. Um aufzufallen. Das sieht gar nicht schlecht aus. Ist aber nicht üblich. Ich kenne keine Frau, die sich traut, eine Glatze zu zeigen. Das hat man zu achten.

Ein Trost sind die kahlen Berühmtheiten für unseresgleichen. Früher rief man mir nach ››Hallo, Jul Brunner!« dann kam eine große Zeit für mich: die weltweite Fernseh-Karriere von Telly Savalas alias Kojak. Ich habe ihm keine Schande gemacht und ihn überall mit Würde vertreten. Von einem Mississippi-Raddampfer aus jubelten mir im Hafen von New Orleans Hunderte von Kindern zu, die schrien: ››Telly! Telly!« Ich stand sonnenumglänzt im Bug des roten Schiffes der Hafenfeuerwehr, gestützt auf das Stahlrohr der Schaumkanone und winkte allen huldvoll-freundlich zu. Ich weiß nun, wie ein Publikumsliebling sich fühlt. Und die Kinder hatten ihr Reiseerlebnis. Ich habe ihn, Kojak, übrigens kennengelernt. Ein warmherziger Mensch. Wirklich gut, dieser Typ. Wir Glatzköpfe sind stolz auf diese Zierde unserer Zunft.

Mein spektakulärster Auftritt jedoch fand statt im Foyer der Oper von Helsinki. Im Smoking sehe ich aus wie Staatspräsident Kekkonen persönlich. Man verneigte sich tief. Muss ein geachteter Mann sein. Wie gesagt, die Glatze uniformiert. Wer weiß, wem Sie gleichen? Genießen Sie es. Das mit den glatzerten Berühmtheiten bedenkt man es recht, nur ein schwacher Trost: es gibt viel mehr Berühmte mit Haaren.

Sprach mich ein junger Mann an unter vier Augen. Er, unbehaart wie ich, sein Kopf leider etwas zu klein, aber prachtvoll nackt vom Nacken bis zur Nase. ››Herr Direktor« sprach er zu mir, ››ich gehöre dem Verein Kölner Glatzenträger an. Ich bin beauftragt, Sie zu fragen, ob Sie unserem Club beitreten möchten.« Ich sah ihn nur an und hörte mich sagen: ››Mein Lieber. Sie und ich. wir tragen keine Glatze wir haben eine.«

Damit muss man leben. Es ist wirklich auszuhalten - für Selbstbewusste sogar leicht. Und ich mag selbstbewusste Leute, die was wert sind und das wissen.

Es hilft kein Drumherumredeni Da Haare zu haben die Norm ist, ist die Glatze außer der Norm, es ist ein Ausstattungs-Defizit. Wir wollen jedoch nicht undankbar sein: Andere schleppen ganz andere Bürden. Mein Rat also - Kopf hoch. Und dann- gut cremen im Sommer. Und warmhalten im Winter.


Persönliche Worte von Jenny Latz über den Autor:
Kurt Rossa war von 1977 - 1989 Oberstadtdirektor von Köln und damit Chef der Stadtverwaltung. Er hatte Alopecia areata universalis. Nach seiner Pensionierung war er als Rechtsanwalt, Schriftsteller, TV-Redakteur und Moderator tätig. Er starb plötzlich und völlig unerwartet 1998.
Kurz nach meiner Wahl zur Bundesvorsitzenden von Alopecia Areata Deutschland e.V. im Jahre 1996 lernte ich Kurt Rossa kennen. In einem persönlichen Brief schrieb er mir am 12.12.1996:

Liebe Frau Latz,
ich schicke Ihnen ein Taschenbuch von mir, das nicht mehr im Handel ist. Sie finden darin meinen Aufsatz "Zuspruch für einen glatzköpfigen Mitmenschen", den Sie kostenlos abdrucken dürfen, wenn er Ihnen gefällt. Vielleicht tröstet der jemand.
Ich habe auch gelitten. Ziemlich lange. Jetzt habe ich das hinter mir. Die Glatze wurde mein Markenzeichen wie der Hut für Herrn Beuys.
Mit allen guten Wünschen für Ihre Arbeit
Ihr Kurt Rossa

P.S. Ich kenne den zitierten Spruch etwas anders:
"God made a fex men sexy and put hair on all the others."

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